Die Schlagerbranche sollte sich nicht selbst zerlegen

Die Schlagerbranche sollte sich nicht selbst zerlegen

Kommentar

Eine Abrechnung im wirtschaftlichen Sinne bedeutet, einen Schlussstrich zu ziehen. Es gab offene Forderungen, sie werden bilanziert, und alle Beteiligten sehen die Sache als erledigt an. Leider ist ökonomisches Denken so ganz anders, als das zwischenmenschliche. Irgendwie einfacher, unkomplizierter. Und ehrlicher.

Wer im Alltag mit jemandem im übertragenen Sinne „abrechnet“, dem sollte von vornherein klar sein, dass er damit alles andere, als ein Ende von Zwistigkeiten herbeiführt. Im Gegenteil: Er öffnet in den meisten Fällen ein Fass ohne Boden. Das haben schon viele Hobby-Autoren in ihren vollmundig angekündigten und einzig auf Kommerz ausgerichteten Enthüllungsbüchern und Statements am eigenen Leib erfahren. Dann, wenn Sätze gestrichen, oder ganze Passagen auf juristische Anordnung hin geschwärzt werden mussten. Dann, wenn die große Abrechnung plötzlich viele kleinere, unbezahlte Rechnungen ans Tageslicht förderte und zu einer Neuberechnung führte – um bei dem, zugegeben, kitschigen Bild zu bleiben.

Ungeschickteste Form der Meinungsäußerung

Eine „Abrechnung“ mit einer Person oder einer Sache ist daher wohl die ungeschickteste Form einer Meinungsäußerung. Viel zu schnell entgleist sie, werden die Hoffnungen auf Zuspruch von den Einwänden der Gegenseite abgestraft, werden kleine Unstimmigkeiten zu einem öffentlichen Kleinkrieg, an dessen Ende nur Verlierer übrig bleiben. Umso erstaunlicher ist es, dass noch immer viele Menschen zu dieser Form der Selbstdarstellung greifen. Man möchte dazwischen gehen, wünscht sich Einsicht, oder gern auch Berater, Freunde, die rechtzeitig rufen: „Halt!“ – Doch da ist niemand. Es geht einfach weiter. Ob es fehlende Anerkennung, unbefriedigte Wünsche, oder einfach nur die Sehnsucht ist, wenigstens am Ende einer weitgehend unbeachteten Karriere mit einem Paukenschlag abzutreten – es mag dahingestellt sein.

Selbstbestimmt in den Fleischwolf

Die Schlagerwelt und all ihre Fürsprecher, Angehörigen und Beobachter erleben mal wieder auf schmerzliche Weise, wie in Worte gefasste Enttäuschung plötzlich zu einem Buchstabensalat der Irrungen und Wirrungen werden. Auf der einen Seite steht, wie so oft, ein anscheinend vom eigenen Versagen frustrierter Künstler, der sich offenbar gezwungen sieht, mit einer Branche „abzurechnen“, der er doch irgendwie nie so richtig angehörte. Selbsterkenntnis sollte eigentlich ein Weg zur Demut sein.

Auf der anderen Seite finden sich Wegbegleiter und, was noch schlimmer ist, Fans, die beide zunächst kopfschüttelnd, dann ebenfalls abrechnend die Äußerungen kommentieren. Das ist schlimm, denn wir sehen mit Schaudern und peinlich berührt, wie sich mindestens zwei doch eigentlich geschätzte Seiten nicht nur selbstbestimmt in den Fleischwolf setzen, sondern ihn auch noch munter einschalten.

Und während sich ein kleines Dorf der ewig gestrigen Barden in persönlichen Anfeindungen und Rechtfertigungen verliert, dreht sich die Welt um sie herum weiter. Unbeirrt und unaufhaltsam. Feste und gefestigte Künstlerinnen und Künstler lassen die ungeschickt platzierten Meilensteine einfach hinter sich, steuern in Richtung Zukunft, treten auf und veröffentlichen. Kritik muss sein. Immer und immer wieder. Aber die Schlagerbranche sollte tunlichst davon Abstand nehmen, sich selbst zu zerlegen. Sie hat es nicht nötig. Und: Wir können es nicht mehr hören.

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