Schlagerboom: Stimmung in die Mischpoke

Schlagerboom: Stimmung in die Mischpoke

Kommentar

Das Aufregendste an der Samstagabendunterhaltung zu Zeiten von „Wetten dass…?“ war, dass man nicht wusste, was in der Show passiert. Jeder Gast war eine kleine Sensation, jeder Wettkandidat hatte Begeisterungspotential. Der Samstagabend war in Sachen TV-Unterhaltung unberechenbar. Das machte eine gute Live-Unterhaltung zur besten Sendezeit aus. An diesem Anspruch hat sich nichts geändert. Wohl aber am Willen und dem Ideenreichtum derjenigen, die für die Unterhaltung verantwortlich zeichnen.

Wachsende Unzufriedenheit

Am 21. Oktober ist es wieder soweit: Das Erste lädt zum „Schlagerboom“ ein, dem großen Schlagerfest, live aus der Dortmunder Westfalenhalle. Präsentiert wird die Sendung auch in diesem Jahr von Florian Silbereisen. Auf seiner Facebook-Seite gab er heute bekannt, dass er bei der Moderation von seinen Sangeskollegen Jan Smit und Cristoff unterstützt wird. Das Trio ist als Klubbb3 in den Charts und auf den Bühnen unterwegs.

Während diese Information beim überwiegenden Teil der Fans auf Zuspruch stieß, machte sich bei einigen allerdings auch Unmut breit. So schrieb eine Userin: „Langsam wird es langweilig“; ein weiterer Kommentator ergänzte, dass es schon auffällig sei, immer wieder zur besten Sendezeit Gratiswerbung für das eigene Projekt zu machen. Die Negativmeinungen wurden im Laufe des Tages offenbar entfernt, oder aber – Facebook sei Dank – „verschoben“, denn es wurden „Top-Kommentare ausgewählt“. Jedem Administrator steht selbstverständlich frei, das zu veröffentlichen, von dem er meint, es sei für die Öffentlichkeit wertvoll und im Rahmen der Eigenpräsentation vertretbar. Doch das alles ist zu einfach. Denn die kritischen Anmerkungen weisen unmissverständlich auf eine wachsende Unzufriedenheit hin, die sich unter den Zuschauern und Fans – wenn auch nur sehr zaghaft – breit macht.

Letzte Bastion für deutschen Schlager

Das Problem: Die Samstagabendunterhaltung scheint mit Silbereisens Festen, Booms und Partys berechenbar geworden zu sein. Sie verkümmert zum Einheitsbrei langweiliger Familientreffen der immer wieder selben Gesichter und Stimmen, die sich bei Silbereisen, wie bei einem Perpetuum mobile, fortwährend die Klinke in die Hand geben: So muss im Grunde niemand mehr auf die „Gästeliste“ schauen. Kennt man eine, kennt man alle. Das ist schade, denn die Formate haben durchaus Potential für Neues, Überraschendes, sind sie doch die letzten Bastionen für Stars und Fans des deutschen Schlagers. Und gerade dieser deutsche Schlager ist mit seinen Künstlern weitaus vielfältiger, als das, was uns die ARD mit ihren Zugpferden der Schlagerunterhaltung glauben machen möchte.

Das ZDF machte erst kürzlich vor, wie es gehen kann: Carmen Nebel wagte sich in ihrer Sendung „Willkommen bei…“ nicht nur an ihre Künstler-Standardpartitur, sondern gab auch Julian David, Jay Khan und Maria Voskania eine Plattform, ihre aktuellen Titel vorzustellen – Stefan Pössnicker als musikalischem Leiter sei Dank.

Festes Netzwerk

Ein genauerer Blick in die Charts hilft, um Namen zu lesen und Titel zu hören, die beim Publikum ankommen, die eine überaus breite Fangemeinde haben, die man allerdings bei Florian Silbereisen wohl niemals sehen wird. Zu eingefahren ist das Erfolgs-Konzept, zu fest sind offenbar die Drähte der Macher zu einem eigenen Netzwerk verknüpft, mit dem sich viel Geld machen lässt. Ja, die Branche kann ein wirklich eintöniges Geschäft sein, wenn man sie mit offenen Augen verkümmern lässt – zumindest für den Zuschauer. Die Feste im Ersten brauchen mehr, als einen Kirmessprecher im Clubhaus. So, wie bei Familientreffen, die manchmal eines Verwandten bedürfen, der mal ordentlich Stimmung in die Mischpoke bringt. (Bild: @floriansilbereisen.official/via Facebook)

Über den Autor

Redaktion administrator

Schreibe eine Antwort