Quo vadis, deutscher Schlager?

Quo vadis, deutscher Schlager?

Kommentar

In diesen Wochen huscht vielen der geflügelte Satz „Alle Jahre wieder“ besonders leicht über die Lippen. Etwas abgewandelt kam er mir vor ein paar Tagen in den Sinn, als ich die TV-Kritik der einzig aufgrund ihrer Verkaufszahlen mit dem Adjektiv „namhaft“ geadelten Magazine und Zeitungen zum „Adventsfest der 100.000 Lichter“ las. „Alle Sendung wieder“ – so das Zitat in weihnachtlicher Neufassung – ereifert sich die offenbar an Doku-Kanäle gefesselte Journalisten-Gilde an einem Verriss der Schlager- und Schnulzenwelt. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit, nein, auch im Sommer, wenn ein nicht unbeachtliches Publikum sich über die „Feste“ freut. Nun, es könnte schlimmer sein, nämlich dann, wenn das redaktionelle Interesse an entsprechender TV-Unterhaltung vollständig zum Erliegen käme. Ist aber nicht so.

Kritik gehört zum Ton

Immerhin lässt die Schlagerbranche rund um Silbereisen und Co. selbst gestandene Kulturredakteure aufhorchen und ihnen zahlreiche Kommentare und Essays abringen. Dass diese meist negativ ausfallen und mit ihren häufig scharfzüngigen Zoten über Musiker, wie Andrea Berg, Fantasy, den Amigos oder auch Mireille Matthieu keine Note ungestrichen lassen, gehört inzwischen – leider – zum gewohnten Ton.

Klar, man könnte überlegen darüber hinweglesen. Doch irgendwie erscheint es notwendig, der schreibenden Zunft der selbst ernannten Anti-Schlager-Gilde von Zeit zu Zeit etwas entgegenzusetzen. Wie wäre es beispielsweise mit den Einschaltquoten? Vor allem die als „Feste“ bekannten Schlagershows im Ersten erreichen regelmäßig Werte, die denen von Plasberg, Illner und – um bei den geradezu beschworenen, doch so hochwertigen Reportagen zu bleiben – Doku, History und Culture die (Über-)Lebens-Candela ausblasen.

Gipfel rhetorischer Möglichkeiten

Wie wäre es mit dem Angebot der englischsprachigen Pop- und Rock-Dynastie? Niemand wagt Kritik an der auf Konsum getrimmten Fast-Food-Kost des Radio-Einheitsbreis, der 24 Stunden am Tag von Justin Bieber über Kollegah bis Zayn alles herunterspult, was sich noch gerade eben Musik nennen darf. Wollen wir auch hier Liedtexte auf ihren inhaltlichen Wert analysieren und den kulturellen Anspruch ihrer Sängerinnen und Sänger bewerten? Hier mal Auszüge aus aktuellen Songs:

„Können wir noch Freunde sein? (ah-ah) – Es darf nicht enden (ah-ha) – Und wenn es zu Ende ist, können wir dann noch Freunde sein?“

Wer glaubt, das sei schon der Gipfel rhetorischer Möglichkeiten, wird sich wundern:

„Havana, ooh na-na (ayy) – Mein halbes Herz ist in Havana, ooh-na-na (ayy) – Er nahm mich mit zurück in den Osten Atlantas, na-na-na – Alles außer meinem Herzen ist in Havana – Mein Herz ist in Havana – Havana, ooh na-na“

Man darf sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, brächten Fantasy oder die Kastelruther Spatzen ein derartiges Text-œuvre in stimmliche Fassung.

Musik ist Vielfalt

Aber: Das alles ist Teil der Musikwelt, die einem gefallen kann, aber nicht gefallen muss. Das immer noch gern in Worte gefasste Schwarz-Weiß-Denken der Redakteure in Sachen Musik ist daher längst überholt. Es ist alles eine Frage des Geschmacks. Man kann Pop mögen, oder nicht, man kann Schlager-Fan sein, oder nicht, man kann Hard-Rocker und Klassikenthusiast sein, oder nicht – man sollte nur niemanden für seinen Musikgeschmack kritisieren und versuchen, ihm den eigenen auf zu zwängen. Das ist nicht nur eine journalistische Schwäche, es ist schäbig.

Am 13. Januar 2018 treffen sich die „Schlagerchampions“ zum „Fest der Besten“ in Berlin. Spätestens am 14. Januar wird einmal mehr journalistisch belächelt. Fragt sich nur, was genau?

 

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