Neues Licht im Schlager-Nebel

Neues Licht im Schlager-Nebel

Ob „Boom“ oder „Party“ – gefühlt kommt man in Sachen Schlager am „Feste“-Format der ARD und dem Moderator Florian Silbereisen nicht vorbei. Zu gewaltig erscheint die Präsenz der pompös inszenierten Live-Events, die, ungeachtet ihrer vollmundigen Ankündigungen, doch immer mehr kritische Stimmen in Sachen Gästeauswahl auf den Plan rufen. Vor allem in sozialen Netzwerken bemängeln Schlagerfreunde und Zuschauer zu wenig Abwechslung bei der auftretenden Künstlerriege. Und tatsächlich gibt es zahlreiche musikalische Wiederholungstäter, die sich bei Silbereisen & Co. seit Jahren regelmäßig die Klinke in die Hand geben.

Versuch an neuem Konzept

Angesichts dieser konformen Familientreffen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist es geradezu erfrischend, Alternativen zu entdecken. Eine ist „Willkommen bei Carmen Nebel“ des ZDF. Fristete sie lange Zeit ein eher stiefmütterliches Dasein im Schatten der Feste, entwickelt sie sich inzwischen zu einem echten Highlight an Schlager-Unterhaltung und, nicht zuletzt, musikalischer Abwechslung. Allerdings verzichtet das ZDF nicht auf alle üblichen Verdächtigen der Schlager-Heimlich-Samstagabend-Feste. Das wäre mit Blick auf das Zuschauerinteresse und die mit ihm verbundenen Quoten auch nicht nachvollziehbar. Aber die Carmen-Nebel-Show versucht sich – noch vorsichtig – an einem neuen Konzept.

Hier treten Sängerinnen und Sänger auf, die in den wenigen noch vorhandenen, vornehmlich privaten Radiosendern, wie B2, Schlagerparadies oder Radio Farbenspiel, längst ihren festen Platz gefunden haben und zudem eine beachtliche Fangemeinde verzeichnen können. Ein Beispiel ist die jüngste Ausgabe der ZDF-Show, die am 29. März ausgestrahlt wurde. Unter anderem mit dabei: Vincent Gross, Laura Wilde und Feuerherz.

Vincent Gross hat den Zenit des Newcomers überschritten, punktet inzwischen mit bestem Popschlager und geht bald auf Tournee. Laura Wilde kann auf mittlerweile drei Erfolgsalben blicken, ihre aktuelle Single „Wolkenbruch im siebten Himmel“ wird in den Stationen rauf und runter gespielt. Die Schlager-Boygroup Feuerherz gab es schon, bevor Silbereisen, Smit und de Bolle den ersten, gemeinsamen Ton anstimmten – und ihr Fanlager ist immens.

Gespür für die Melodie des Augenblicks

Auf jeden Fall eine geschickte Auswahl, für die Stefan Pössnicker verantwortlich zeichnet. Pössnicker ist Komponist, Texter und Produzent und greift als Stefan Peters auch gern selbst mal zum Mikrofon. Vor allem ist er aber ein alter Hase innerhalb der Musikbranche. Unzählige neue, oder als Remix produzierte Titel gehen auf sein Konto, für Stars wie Andrea Berg, Beatrice Egli, Nik.P, Fantasy, Hansi Hinterseer, Andreas Gabalier, oder Tanja Lasch, um nur einige zu nennen. Mit diesem feinen Gespür für die Melodie des Augenblicks lenkt er die musikalischen Geschicke der Show mit Carmen Nebel. Pössnicker geht spürbar andere Wege, neue Wege, die doch eigentlich nachvollziehbar sind.

Wettbewerb bei Schlagerunterhaltung

Denn der Schlagermarkt ist nicht mehr überschaubar. Zu viele drängen auf die wenigen Plätze, die die Rettungsboote mit Namen Charts zum wirtschaftlichen Überleben frei haben. Umso wichtiger ist es, die schlechte Spreu vom guten Weizen zu trennen, dem Publikum Neues anzubieten, noch Unbekanntes vorzustellen, für Talente und Erfolge den Sprung von der Bühne Radio ins TV zu ermöglichen. Dazu gehört Mut – und ein Sender, der alles mitmacht. Stefan Pössnicker hat ihn offenbar gefunden. Die Schlagerbranche kann ihm danken. Wenn jetzt das ZDF und Carmen Nebel noch den Schritt von Konserve zu Live wagen, könnte es einen echten, längst überfälligen Wettbewerb in Sachen Schlagerunterhaltung geben. Und Wettbewerb bedeutet stets Vielfalt. (Bild: ZDF)

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