Einfach nur schön

Einfach nur schön

Kommentar

Michael Schulte wird Deutschland beim diesjährigen Eurovision Song Contest in Lissabon vertreten. Der 27 jährige Singer und Songwriter, wie man junge, kreative Musiker heutzutage beschreibt, verkörpert mit dem Song „You let me walk alone“ also den vielgepriesenen „Neustart“ Deutschlands beim ESC. Vielgepriesen vor allem vom zuständigen ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, der, aller gerechtfertigten Kritik von Musikexperten am Auswahlverfahren und Konzept des Vorentscheids zum Trotz, erneut auf musikalische Sachlichkeit und Einfallslosigkeit setzte. Am Ende fährt nun ein eher unscheinbarer Künstler mit einer durchaus hörbaren, emotionalen Ballade in die portugiesische Hauptstadt. Das ist schön. Leider nicht mehr.

Einheitsbrei und Konformität

An genau dieser Stelle wird es schwer, Kritik zu üben, ohne den Teilnehmern des Vorentscheids zu nahe zu treten. Denn allesamt haben ohne Zweifel bewiesen, dass sie das Zeug zum Singen haben. Die Band voXXclub ist sogar fester Bestandteil der Schlagerbranche. Das alles muss man anerkennen und loben. Doch wir sprechen nicht von der Präsentation neuer Titel in einer national bekannten Hitparade, über die man bis zum nächsten Monat abstimmen kann. Wir sprechen von der großen, internationalen Bühne eines europäischen Gesangswettbewerbs. Und auf der gehen Einheitsbrei und Konformität leider unter.

Michael Schultes Ballade, sie kommt einem bekannt vor. Sie könnte irgendwann auch schon von einem Philipp Dittberner, Ed Sheeran oder James Blunt gesungen worden sein. Das hört man sich gern morgens beim Duschen an, oder abends beim Gassigehen mit dem Hund. Das reißt einen aber nicht mit. Das ist kein „Hinhörer“, kein „Wow“, kein Spektakel.

Wettbewerb nicht verstanden

Mit Liedern, die einfach nur schön sind, ist noch niemand beim Eurovision Song Contest aufgefallen, vom Gewinnen wollen wir gar nicht sprechen. Schaut man sich die Liste der Siegertitel der vergangenen Jahre einmal an, so merkt man sehr schnell, dass vor allem Unkonventionelles, Unberechenbares, Unerwartetes überraschend das Herz der Zuschauer eroberte. Wer als Komponist oder Produzent jemals glaubte, Regeln oder Strukturen für einen chancenreichen ESC-Titel zu erkennen, um nach diesem Muster selbst nachzulegen, scheiterte kläglich. Er hat den Wettbewerb schlichtweg nicht verstanden.

Gegen Kritik immun

Dieses Nicht-Verstehen des ESC, es scheint seit vielen Jahren dem deutschen Auswahlverfahren immanent. Genau das überrascht, denn die ARD geht mit Fehleinschätzungen und nachlassendem Erfolg ihrer Formate und deren Inhalte üblicherweise rigoros um: Man schafft sie ab, oder ändert sie. Beim Eurovision Song Contest hingegen ist man gegen Kritik und Ratschläge offenbar immun, es hat sich geradezu eine Beratungsresistenz ausgebildet. Das ist schade, denn man vergibt damit Chancen – und am Ende Einschaltquote. „You let me walk alone“… Noch nie war ein deutscher ESC-Titel vielsagender, als in diesem Jahr. (Bild: dpa)

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