Der Club der Schlagerchampions

Der Club der Schlagerchampions

Eines kann man Florian Silbereisen diesmal nicht vorwerfen: Für die Auswahl der „Schlagerchampions“, die sich am Samstagabend zur besten Sendezeit im Berliner Velodrome ein Stelldichein gaben, kann er nichts. Auch die Tatsache, dass die „Stars des Jahres 2017“ einmal mehr exakt dieselben sind, die man bereits aus vorherigen Silbereisen-ARD-Festen kennt, geht nicht auf Floris Konto. Die aktuellen Schlagerchampions wurden auf Basis der Daten von Gfk-Entertainment ermittelt. Das Marktforschungsunternehmen aus Baden-Baden wertet ganz nüchtern Charts und Verkaufszahlen aus. Wer gestern Abend zum erlesenen Künstlerkreis der Auftretenden gehörte, der ist nun mal omnipräsent und gehört zur Schlagerelite.

Das mag einerseits erfreuen, denn die Stars des Abends liefern im Jahreslauf stets pünktlich und zuverlässig. Die Fans schätzen das und zählen die Tage bis zur Veröffentlichung eines neuen Titels, oder eines frischen Albums.

Wer die Lorbeeren erntet

Andererseits zeigt die bestehende Gilde der Champions des Schlagers, dass offenbar auch weiterhin nicht viel Neues nachkommt. Wobei das nur bedingt richtig ist. Wer sich durch die Hitparaden derjenigen – fast ausschließlich privaten – Internetradios zoomt, die die große und kaufkräftige Zielgruppe der Schlagerfans bedienen, der findet jede Menge Vielfalt in Sachen Schlager – sowohl bei Titeln als auch bei Künstlern. Doch dortige Sendungen und Platzierungen sind nur ein kleiner Bereich des Erfolges und der Chancen. Keiner Sängerin und keinem Sänger ist damit geholfen, lediglich von Fangruppen auf vorderste Plätze gewählt zu werden. Es müssen Zahlen folgen: Verkaufszahlen, Downloads, sichtbare und nachvollziehbare Chart-Erfolge. Und der TV-Auftritt. Pro Jahr schaffen das nur ganz wenige. Ein Beispiel aus 2017 ist Ben Zucker.

Doch so ganz unschuldig sind auch die Programmmacher nicht. Die üblichen Verdächtigen der Schlagerbranche, die jetzt in der ARD als verdiente Schlagerchampions die Lorbeeren ernten, werden eben von genau diesem Sender zuverlässig hofiert. Das alles in einem Netzwerk weniger Produzenten und Managements, das überaus engmaschig gestrickt ist. Wer Teil dieses Klüngels ist, hat es geschafft. Die Feste der ARD geben in Sachen Künstlerauswahl während des Jahres deshalb wenig Spielraum für Neuentdeckungen. Wer bekannt und erfolgreich ist und außerdem das sprichwörtliche „Vitamin B“ besitzt, wird ohnehin eingesetzt. Und am Ende Champion. So betrachtet ein ewiger Kreis.

Vielen fehlt die Bühne

Die meisten anderen fallen aus diesem Schema heraus. Ihnen fehlt die Bühne, fehlt die Chance, sich überhaupt beweisen zu können. Irgendwann einmal Schlagerchampion zu werden bleibt also weiter ein Glücksspiel. Und das Ergebnis von Beziehungen. Apropos Beziehungen: Der Schlagerfan ist treu. Er ist zwar aufgeschlossen für Neuerscheinungen, hakt Vergangenes aber ungern ab. Schon aus diesem Grund wurde bei den „Schlagerchampions“ nur vereinzelt auf Unbekanntes gesetzt.

Die Band Fantasy gab mit „Die Gespenster der Nacht“ einen ersten Vorgeschmack auf die kommende CD. Tanzbarer Fox im bewährten Stil, nur dass Freddy und Martin inzwischen nicht mehr allzu sehr auf Distanz zueinander gehen, was vor allem den Kameramann beglückt. „Fantasy“ ist jetzt auch optisch ein Duo.

Kultsongs und ein wenig Neues

Als noch junger Kultsong nicht fehlen durfte natürlich „Warum hast Du nicht nein gesagt“ von Roland Kaiser und Maite Kelly. Die beiden haben sich in diesem Chart-Kracher musikalisch gesucht und gefunden und haben den Titel inzwischen zu einer theaterverdächtigen Parodie ausgebaut, Krawattengag inklusive.

Natürlich nutzte auch Moderator Florian Silbereisen die Chance, ganz dick den neuen Ohrenschmaus seiner Boyband KLUBBB3 aufzutragen. Gemeinsam mit seinen Sangesbrüdern im Geiste Jan Smit und Christoff de Bolle gab es gleich zwei Singleauskopplungen zu hören: „Paris, Paris, Paris“ und „Ein Tattoo für die Ewigkeit“. Insgesamt setzt KLUBBB3 mit der neuen CD auch weiter auf das, was man sich bei Gründung der Gruppe vor zwei Jahren auf das Notenblatt geschrieben hatte: Einfacher Schlager ohne Tiefgang, dafür aber mit besten Partyrhythmen und einfachen Refrains, die man auch nach dem dritten Whiskey-Cola noch problemlos mitsingen kann.

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23 mal Platin für Helene Fischer

Helene Fischer erhielt gleich vier Auszeichnungen: Sie wurde „Sängerin des Jahres“, veröffentlichte mit „Helene Fischer“ das „Album des Jahres“, zudem mit „Achterbahn“ den „Hit des Jahres“ und schließlich das dazu gehörige „Video des Jahres“. Außerdem gab es für Helene Fischer insgesamt 23-fach Platin: Sechsmal für das Album „Weihnachten“, zwölfmal für das Album „Farbenspiel“ sowie fünfmal für ihr aktuelles Album „Helene Fischer“. Entsprechend präsentierte Helene Fischer einmal mehr eine beeindruckende Bühnenshow – allerdings mit einem Haken. Samt Mikrofon tauchte sie in ein Wasserbecken und ging dennoch akustisch nicht baden. Es lebe das Playback.

Abschied von Al Bano und Romina Power

Highlights der Samstagabendsendung waren die internationalen Stars. Nana Mouskouri, inzwischen 80 Jahre jung, kündigte eine Welttournee mit ihren Lieblingstiteln an. Das Italo-Power-Duo Al Bano und Romina Power verabschiedete sich mit seinen bekanntesten Songs vom deutschen Fernsehpublikum. Dass in der Beziehung der beiden inzwischen nicht mehr lebt, als die gemeinsame Musik, zeigte sich im kurzen Interview: Romina Power widerspricht ihrem persönlichen, musikalische Ende, Al Bano zieht sich eisern auf sein Altenteil zurück – „Che lo voglia o no?“

Es blieb italienisch mit dem Auftritt von Startenor Andrea Bocelli. Nach seinem fast schon obligatorischen „Con te partirò“ fand der Sänger beeindruckende Worte: „Es kommt nicht darauf an, vor welcher Persönlichkeit man singt. Es kommt auf die persönlichen Emotionen an, die man empfindet, wenn man für jemandem singt.“ Dass etwas Tiefsinn nicht in das Konzept der Show passt, wurde überaus deutlich, als man das Interview einfach ausblendete. Es bleibt halt auch hier alles beim Alten. (Bilder: Das Erste)

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